Wenn mit dem Verlust der Mutter auch die bedingungslose Liebe stirbt
Aktualisiert: 24. Aug.

A. ist eine junge Mutter und kommt zu mir in die Trauerbegleitung. Ihre eigene Mutter ist vor fünf Jahren gestorben. Trotzdem fühlt sich der Verlust für sie noch immer an, als wäre er erst gestern geschehen. A. beschreibt eine tiefe Einsamkeit, die sie immer wieder überfällt. Auch innerhalb ihrer eigenen Familie fühlt sie sich oft aussen vor und nicht wirklich geliebt – obwohl äusserlich Vieles trägt.
Zunächst arbeiten wir mit der Trauer selbst. A. richtet zu Hause einen kleinen Traueraltar ein und beginnt, sich bewusster Zeit für ihre Mutter und für das Trauern zu nehmen.
Im Verlauf spüre ich jedoch, dass unter der Trauer noch etwas anderes wirkt.
In einer Sitzung arbeite ich mit einem Kartenset zu unterschiedlichen Aspekten von Verlust und Trauer. A. wählt das Bild zweier Frauen: Eine weint, die andere reicht ihr tröstend die Hände. Die Karte berührt etwas Wesentliches.
Nach und nach wird ein innerer Satz sichtbar, der A. seit dem Tod ihrer Mutter begleitet: „Seit meine Mutter nicht mehr da ist, gibt es niemanden mehr, der mich bedingungslos liebt.“
Plötzlich bekommt auch ihre Einsamkeit innerhalb der eigenen Familie eine andere Bedeutung. Nicht weil dort keine Liebe wäre. Sondern weil sie die Form von Liebe, die sie mit ihrer Mutter verbunden hat, innerlich als unwiederbringlich verloren erlebt.
Damit verändert sich auch die Richtung unserer Arbeit. Es geht nicht mehr nur darum, der Trauer Raum zu geben, sondern die Beziehung zur Mutter innerlich weiterzuführen. Für A. beginnt nun die Aufgabe, Liebe, Anerkennung und Halt nicht länger nur von aussen zu erwarten, sondern zunehmend auch in sich selbst zu entwickeln. Ein wesentlicher Teil des Trauerprozesses kann darin bestehen, die Verbundenheit mit dem verstorbenen Menschen im Inneren in neuer Form weiterzuführen.

