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Die Angst, den Mund aufzumachen

12. Aug.
1 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 21. Aug.

Kinderbeine in Laufschuhen beim Rennen auf dunklem Asphalt.



S. kommt wegen ihrer Angst vor Zahnarztbesuchen in meine Praxis. Schon der blosse Gedanke an einen Termin löst grossen Stress aus.


Auf dem Zahnarztstuhl fühlt sie sich ausgeliefert und ohnmächtig. Sie bekommt Schweissausbrüche und gerät in Panik.

Wir beschliessen, das Thema mit EMDR anzugehen. Nach einer ersten Sitzung zur Stabilisierung taucht während des Prozesses plötzlich eine Erinnerung aus der Schulzeit auf: S. sieht sich als Kind vor der Klasse stehen. Sie muss vorlesen. Wegen ihres Stotterns wird sie ausgelacht. Immer wieder.

Sofort sind die alten Gefühle wieder da: Scham. Ohnmacht. Das Gefühl, nicht fliehen zu können.

Ich frage sie:

„Was hätte dein Körper damals am liebsten getan?“

Die Antwort kommt ohne Zögern:

„Weglaufen.“

Doch genau das war damals nicht möglich.

Während der Verarbeitung beginnt S. ihre Beine zu bewegen, als würde sie laufen. Der damals unterbrochene Fluchtimpuls bekommt zum ersten Mal Raum.

Im Verlauf zeigt sich eine klare Verbindung: Die heutige Situation auf dem Zahnarztstuhl berührt dieselbe Erfahrung von Ausgeliefertsein, Scham und fehlender Fluchtmöglichkeit wie damals in der Schule, als S. den Mund öffnen musste, sich durch das Stottern zutiefst beschämt fühlte und der Situation nicht entkommen konnte. Beim Zahnarzt wird genau diese alte Erfahrung unbewusst wieder aktiviert.

Als wir die Sitzung beenden, fühlt sich S. deutlich erleichtert. Nicht, weil der Zahnarzt plötzlich angenehm geworden wäre. Sondern weil ihr Nervensystem beginnt, Gegenwart und Vergangenheit voneinander zu unterscheiden.

Nicht jede Schwierigkeit entsteht dort, wo sie sich heute zeigt. Manchmal führt der Weg dorthin, wo eine Erfahrung nie wirklich verarbeitet werden konnte.

EMDR kann helfen, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen und festgehaltene Erfahrungen neu zu verarbeiten.

 
 
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